Mark Longmore kaute auf dem Stiel seiner kalten Pfeife und dachte nach. Seine zusammengepressten Lippen erzeugten einen verbissenen Eindruck, als er die zwei Wörter im Anzeigenteil der Zeitung unterstrich:
"Ein Katzenkiller". Ihm wurde es warm ums Herz, als er an das Tier dachte, das seine eigene Abneigung teilte. Nur eine Abneigung? Es war mehr als das. Es war eine Besessenheit, eine Gemeinheit, die er wie ein schlimmes Geheimnis gehütet hatte, seit die Jungen an seiner Schule seine Schwäche entdeckt und ihn ganz gehässig mit wie zu Katzenpfoten gekrümmten Fingern und Katzengeheul verfolgt hatten.
Seine Eltern, die im Ausland arbeiteten, hatten nichts davon gewusst, als sie ihn zum Schulbesuch nach England zurücksandten. Genausowenig wie seine sehr gewissenhafte aber etwas ängstliche Tante, bei der er seine Ferien verbracht hatte. Aber Ihre riesige Perserkatze, wie ihm zum Hohn auch noch Glory Boy (Prachtkerl) gerufen, hatte es sofort bemerkt und war ihm mit sadistischer Freude überallhin gefolgt. Und Mark, der sich wegen seiner Angst vor Katzen einerseits zutiefst schämte und andererseits wütend darüber war, hatte sein irrationales Entsetzen bekämpft wie ein Tiefseetaucher eine Riesenkrake bekämpfen würde, als sei es ein furchtbarer Alptraum.
Als erwachsener Mann, als ehemaliger Kampfflieger, zweimal ausgezeichnet und dreimal verwundet, kämpfte er immer noch dagegen an. Glory Boy mochte inzwischen zwar nichts weiter mehr sein als ein verblichenes Knochengerüst unter einem Rosenstock, der zu seiner Erinnerung gepflanzt worden war, aber das innere und viel feinere Duell ging weiter. Mark hatte das Haus und den Garten seiner Tante in Hampshire geerbt, mit seiner Abfindung eine bankrottgegangene Tankstelle mit Autowerkstatt erworben, um damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er hätte zwar das geerbte Haus verkaufen können, aber das wäre eine Niederlage gegen seinen inneren Schweinehund gleichgekommen, und lieber wäre er gestorben, als dem nachzugeben.
Aber weder sein Wille noch sein Verstand konnte die Einbildung vertreiben, dass diese elende Kreatur von einer Katze ihn immer noch verfolgte, ihn einen auf die vierzig zugehenden Mann, und zwar genauso unbarmherzig, wie sie damals dem vor Angst zitternden Jungen ständig nachgelaufen war. Wenn Mark manchmal in der Eingangshalle flüchtig seine Post durchsah, dann trat er öfters erschrocken einen Schritt zurück, da er sich einbildete, ein weicher Körper habe sich eng an seine Beine geschmiegt. Wenn er am Kaminfeuer sass und rauchte, da fühlte er sich manchmal wie von mandelförmigen, gelbleuchtenden Augen von einem leeren Sessel aus beobachtet, und es lief ihm eiskalt den Rücken herunter oder er musste gar gegen Ekelgefühle ankämpfen, wenn er sich zwanghaft vorstellte, dass ein plüschartiger Körper auf seinem Schoss landete.
Die Leute schauten ihn mittlerweile an, so schien es ihm, als wäre er ein sonderbarer Kauz.
Dabei hätte er nicht einsam sein müssen. Sein Garage ging gut. Seine alten Freunde waren aber in alle Winde zerstreut und er fand keine neuen mehr. Er scheute ganz heftig vor einer eventuellen Heirat zurück. Einmal hatte er versucht, einem Mädchen von Glory Boy zu erzählen. Sie hatte nur schallend gelacht...
Als er die Anzeige nochmals las, da zuckten seine Mundwinkel. Er runzelte die Stirn. Sollte er den Schuss ins Dunkle wagen? Warum nicht? Er selbst befand sich seit langen schon im Dunkeln. Er suchte unter Formularen nach seinem Füller, fand ein leeres Notizblatt und schrieb:
Sehr geehrter Herr, Ihr gestromter Bullterrier scheint genau das Richtige für mich zu sein. Ich mag Katzen genausowenig...
Als der Brief abgeschickt war, fühlte er sich besser. Aber gleich fühlte er wieder diese Beklemmung. Nichts würde dabei herauskommen; es kam ja nie etwas dabei heraus. Und am Ende der Woche war auch prompt nichts herausgekommen.
Er hörte das kleine Auto nicht, das die Auffahrt herauf kam, denn er lag unter einem Wagen und hämmerte. Er hörte es erst, als es mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam.
"Hell's Bells ( = zum Teufel nochmal!)!" rief er entrüstet, warum schauen sie denn nicht wohin...
* * *
Die junge Frau schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an. "Aber..., aber wie können sie denn wissen?"
"Ich weiss nur", knurrte Mark "dass Sie mir fast die Füsse abgefahren hätten."
"Es tut mir sehr leid, wissen Sie, Hell's Bells ist sein Name auf der Ahnentafel, ich rufe ihn einfach bloss Bully. Ich habe Ihren Brief bekommen und da bin ich einfach losgefahren."
Noch ganz verwirrt machte sie die Autotür auf. Während Mark sich unter dem Auto hervorquälte, wurde ihm auf einmal das Gesicht von einer langen, rosafarbenen Zunge abgeleckt und zwei kräftige Vorderpfoten hielten ihn mit beträchtlichem Gewicht auf dem Boden. Das Mädchen fasste den Hund am Halsband.
Aber Mark sagte: "Lassen Sie nur" und tätschelte die breite Brust des Hundes, als der ihm eifrig den Schweiss von der Stirn leckte.
"Er ist einfach unverbesserlich..."
Sie hatte eine wundervolle Stimme. Mark stellte das so nüchtern fest, als hätte er gerade ein Motorengeräusch beurteilt. Tief, klar und aufrichtig. Aber er interessierte mehr für den Hund, der ihn anscheinend adoptiert hatte. Es schien ihm sonderbar, sich durch die Wärme eines Tieres ohne Falschheit so wohl zu fühlen.
"Er... er scheint Sie sehr zu mögen..."
Mark hörte das Zittern in ihrer Stimme und stiess den Hund weg. Er stand auf und streifte mit den Händen die staubige Hose ab. Sie schüttelten sich recht förmlich die Hände.
"Herr Langmore? Ich bin Fiona Ransome. Sie haben auf meine Anzeige geantwortet". "Möchten Sie nicht hereinkommen? Ich müsste irgendwo noch einen Sherry haben", sagte Mark ganz unbestimmt. Er führte sie in das kaum benützte Wohnzimmer, das durch tausend Kleinigkeiten an die Allgegenwart seiner Tante und ihres verhassten Katers Glory Boy erinnerte.
Es roch nach Möbelpolitur und muffig, als wenn lange nicht gelüftet worden wäre. Die junge Frau setzte sich in einen Sessel am Fenster, von wo aus sie den Garten überblicken konnte. Der Hund schnüffelte umher und verschob leicht die alten, längst verblichenen Sessel, als er sich ganz flach machte, um darunter schauen zu können. Mitunter schnüffelte er ganz aufgeregt.
Als Mark die Flasche und zwei Gläser brachte, sah er den Hund stöbern und fühlte bei seinem Anblick wie der Zwang, an den verhassten Kater denken zu müssen, deutlich nachliess. "Bully, komm sofort her," befahl Fiona. "Wonach suchst Du denn?"
"Nach der Perserkatze meiner Tante, denke ich" sagte Mark und ein zufriedenes Grinsen zog über sein Gesicht"
"Hell's Bells, ist er ein...?" Sie rannte wie von einer Tarantel quer durch den Raum. "Um Himmels Willen, sie wird in zehn Sekunden tot sein..."
Mark schüttelte den Kopf. "Sie ist schon seit ungefähr fünfzehn Jahren tot. Aber ich wäre ihm mehr als dankbar, wenn er auch ihren Geist erledigen würde.
" Dies sagte er mehr beiläufig, aber sein Gesicht verriet mehr als ihm bewusst war.
"Erzählen Sie mir mehr darüber", sagte Fiona freundlich.
"Es ist eigentlich nichts worüber ich gerne rede", antwortete Mark.
"Versuchen Sie es doch einfach".
"Habe ich schon, aber die Leute lachen..."
"Ich werde nicht lachen", sagte sie in bestimmtem Ton. Zuerst erzählte er nur sehr zögernd, aber dann brach es aus ihm heraus, wie bei einem Mann, der spürt, wie sich plötzlich die Zellentür öffnet, die jahrelang zugesperrt war. Kalter Schweiss lief ihm den Rücken hinunter. Sie hörte regungslos zu, während Bully sich ein Plätzchen in der Sonne ausgesucht hatte und sich behaglich zusammenrollte. Als Mark ihn so ansah, da hatte er plötzlich das Gefühl von Freiheit.
Fiona machte keine einzige Bemerkung zu seiner Geschichte. Stattdessen erzählte sie ihm bereitwillig ihre eigene.
"Früher lebten wir auf dem Land", erklärte sie. "Ich habe nie gedacht, dass ich überhaupt woanders leben könnte. Aber als meine Mutter starb, musste ich das Haus verkaufen. Es blieb nicht viel Geld übrig. Sie wissen ja selbst, wie es heutzutage ist. Ich fand bei dem Verlag Grant & Grant in London eine Arbeit. Ich habe geglaubt, ich könnte Bully mitnehmen. Aber es hat nicht geklappt. Er eignet sich einfach nicht für ein Leben in der Stadt."
"Armer Kerl". Mark kraulte den Hund hinter den Ohren. "Es ist schrecklich. Er frisst nicht, er schläft nicht. Und er hat die Nachbarskatze totgebissen. Ich kann ihn einfach nicht mehr halten. Und ich brauche unbedingt meine Arbeitsstelle. Als dann Ihr Brief kam..."
"Glauben Sie, Sie könnten ihn mir anvertrauen?" fragte Mark langsam.
"Ja". Fiona wendete ihren Blick von Bully ab, der sich ahnungslos auf dem Boden wälzte. Dann fuhr sie schnell fort: "Er mag sein Fleisch roh, mit Flocken. Und frisches Gemüse. Ich füttere... ich meine, ich habe ihn immer abends gefüttert. Sein Korb liegt in meinem Auto."
"Meinen Sie nicht, Sie sollten es sich nochmals überlegen?"
"Ich habe es mir überlegt. Er muss weg. Und er wird mit diesem Katzengeist schon fertigwerden."
"Davon bin ich überzeugt", antwortete Mark.
Sie öffnete ihre Handtasche. "Hier ist seine Ahnentafel.Wenn Sie noch seinen Korb hereinholen, dann könnte ich wieder fahren."
Bully lief mit Mark hinaus uns wieder herein, etwas erstaunt, aber nicht unerfreut, als er sah, wie sein Korb, das Symbol seines Heims, in sein neues Zuhause hereingebracht wurde.
"Er wird sich schnell einleben", sagte Fiona.Sie schlossen ihn ein, als sie zum Wagen gingen.
"Ich werde Ihnen Bescheid geben", sagte Mark.
"Nein!" Sie stieg in ihren Wagen und fummelte ein wenig an der Gangschaltung herum. "Wir wollen so verbleiben: keine Nachricht bedeutet gute Nachricht. Es ist für mich viel einfacher, wenn ich nur so verschwinde..."
* * *
Er irrte sich. Wenn er in sein Arbeitszimmer kam, blieb er oft vor dem Kaminsims stehen und pfiff gedankenverloren eine kleine Melodie, während er Fionas Adresse auf der Ahnentafel las. Der Sommer ging vorbei. Machmal nahm der den Stammbaum mit bis zum Schreibtisch. Manchmal schaffte er es sogar, einen Brief anzufangen. "Liebes Fräulein Ransom, Bully und ich währen sehr froh, wenn Sie einmal vorbei kommen können..."
Aber an dieser Stelle brach er immer ab, stopfte den Brief in den Papierkorb oder warf ihn ins Feuer. Sie hatte ja einfach so verschwinden wollen. Aber er könnte ein Absage doch verkraften, oder etwa nicht? So setzte sich neue Konflikt ständig fort.
An einem kalten Abend im November konnte Mark sich nicht entschließen, überhaupt irgendetwas zu machen. Es war so still, dass ihm selbst Bullys Schnarchen auf die Nerven ging. Obwohl er wie üblich den Fernseher anmachte, schweiften seine Gedanken ab und das Geschehen am Bildschirm war nichts weiter als ein Licht - und Farbenspiel.
"Unser Quiz kommt heute aus dem berühmten Verlagshaus von Grant & Grant aus der Londoner Innenstadt..." Grant & Grant ... der Name klang in ihm wie eine Glocke, deren Leute aber so gedämpft war, als käme es vom Meeresboden. Mark döste vor sich hin, als Menschen aus dem Publikum begierig die fachkundig gestellten Fragen des Quizmasters über sie selbst beantworteten. Ein brennender Holzscheit fiel auf die Platte vor dem Kamin und weckte ihn auf. "Ich nehme an", sagte der Quizmasters soeben, "dass wir alle schon einmal Dinge gesagt haben, die wir anschliessend bedauernd haben. Erzählen Sie mir, Miss Ransome, welche Worte würden Sie denn am liebsten zurücknehmen, wenn Sie könnten?"
Mit dem rauchenden Holzscheit in der Hand, sass Mark regungslos und ungläubig da. Aber da war sie wirklich, ihr Gesicht lebensgross im Bildschirm, aber mit einem Blick, als sei tief in ihrem Inneren ein Licht erloschen.
"Einmal", so sagte sie, "habe ich zu jemandem gesagt, dass keine Nachricht gute Nachricht wäre. Ich glaube - ich muss verrückt gewesen sein". Der Holzscheit krachte auf die Kaminplatte, als Mark bemerkte, dass er sich die Finger verbrannt hatte. Dann griff er sich die Ahnentafel vom Kaminsims und schaute auf eine Armbanduhr. Zweieinhalb Stunden, wenn die Strassen frei waren. "Auf geht's alter Junge!" sagte er zu Bully, "jetzt haben wir's."
Fünf Minuten später jagte er auf der Überholspur entlang und Bully gähnte eher vorwurfsvoll, als er neben ihm sass. Im entgegenkommenden Scheinwerferlicht sah er mit seinem gespitzten Ohren und seinem gekrümmten Schädel aus wie die Silhouette eines Schattenrisses.
Der Verkehr wurde dichter, als sie in die Vororte kamen. Menschenmassen strömten aus Theatern und Kinos über die Zebrastreifen. Taxis, Busse und private Fahrzeuge verlangsamten das Durchkommen unerträglich. Aber Mark verfuhr sich nicht. Er brachte das Auto mit quietschenden Reifen zu stehen, schwang die Tür auf und rief nach Bully. Aber als ein Metall beladener Lastwagen vorbei fuhr schrak Bully zurück und wirkte angesichts der Schrecken der Grosstadt verstört. "Es ist schon in Ordnung alter Junge. Ich bin gleich zurück."
Mark schlug die Autotür zu, sprang die Stufen hoch und klingelte bei Ransome. Dann erst fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Sie würde noch gar nicht daheim sein. Sie hätten bestimmt noch eine Party nach dem Fernsehauftritt. Er hätte gar nicht erst kommen sollen. Am besten wäre es, wenn er gleich wieder wegginge, bevor...
Die Tür ging auf. Da stand Fiona, mit erwartungslosem Gesicht, gezeichnet von Müdigkeit. "Ich habe doch eine Nachricht" sagte Mark. Ihr war jetzt ganz bange ums Herz. "Bully ist doch nicht etwa krank, oder?" Beim Klang ihrer Stimme sprang Bully durch das offene Autofenster. Grunztöne von sich gebend, keuchend und sie ableckend, sprang er immer wieder an ihr hoch. Und Fiona nahm ihn ungläubig in ihre Arme, herzte ihn und drückte ihn immer wieder an sich. "Oh, Bully, du alter Clown..."
Atemlos von der Begrüssung kamen ihre Worte nur stossweise. "Du kannst dir ja gar nicht vorstellen... wie sehr ich mir gewünscht habe... dich wiederzusehen..."
Hier brach sie ab und sie errötete bis über beide Ohren. Aber es dauerte fast eine halbe Minute bis Mark begriff, und es war, als wenn ihm jetzt endlich ein Licht aufginge, dass sie mit ihren Worten vielleicht nicht nur den Hund allein gemeint hatte...